Über uns

Das Jahr in der Kita

Im nachfolgenden Beitrag schildert Manuela Schlüer, Einrichtungsleiterin der Cuxhavener Kita Friedrichstraße, wie „Corona“ den Kita-Alltag durcheinander wirbelte.

Auch wenn wir in diesem Jahr viele Dinge in unserer Kita anders machen mussten. Wie zum Beispiel, dass Ostern nicht gefeiert werden konnte, wir waren ja noch nicht mal hier. Das Sommerfest wurde auf das nächste Jahr verschoben, die Schulkinder ohne Party mit den Eltern verabschiedet und das Weihnachtsfest in der Kita vorzeitig auf zu Hause verschoben – so hatten wir doch eine Menge Spaß. Das Lichterfest haben wir einfach ohne Gäste im Garten gefeiert und den Laternenumzug durch die verdunkelte Kita gemacht. Wir haben Geburtstage gefeiert, gebastelt, experimentiert, sind geklettert, haben neue Welten entdeckt, Geschichten gelesen und Märchen gehört, Wir haben Türme aus Bechern gebaut, soooo hoch wie der Himalaya - gekocht, gebacken, gebaut und getanzt… Wir haben gestritten und uns wieder vertragen, geschrien und geflüstert, geweint und gelacht. Wir erlebten wunderbare Dinge – fanden komische Käfer, die ein bisschen aussahen wie Blätter und rausgefunden, was die essen. Bienen und Wespen wurden beobachtet, Spinnen bewundert und Marienkäfer gezählt, Tomaten geerntet, Zucchinis beim Wachsen beobachteten, mit Wasser wurde gespielt und Matschepampe-Kuchen gebacken. Wir waren Tiger und Löwen, Superhelden und Bösewichte, wir waren Entdecker und Forscher, Erklärer und Fragend, eigentlich waren wir alles, was wir sein wollten – und eigentlich – haben wir alles gemacht, was wir immer so machen, nur ein bisschen anders – mit mehr Abstand und noch mehr Händewaschen und Lüften. Eigentlich hatten wir ein wirklich schönes Jahr mit unseren Kindern in der Kita, nur eben mit ein paar Unterbrechungen und mehr Planung, Zu- und Absagen, Verschieben und nochmal Verschieben und dann doch nicht machen. Und trotzdem – eigentlich hatten wir ein schönes, aufregendes und spannendes Jahr mit unseren wunderbaren Kindern und deren Eltern in der Kita. Trotzdem war alles anders, für uns hinter den Kulissen zumindest. Den Kollegen wurde viel abverlangt, eigene Ängste und Sorgen mussten zumindest während der Arbeit am Kind hinten angestellt werden. Verunsicherte, besorgte und manchmal sehr angespannte Eltern mussten beruhigt, aufgeklärt und informiert und dazu noch die eigenen Kinder untergebracht und ggf. im Homeschooling versorgt werden.

Zum Beispiel im März wurden von heute auf morgen die Kitas geschlossen, dann teilweise zur Notbetreuung geöffnet, bevor wir nach Szenario B in geschlossenen Gruppen arbeiten sollten. Das hatte viel Organisatorisches zur Folge. Ganze Kitas mussten quasi über Nacht umgeräumt werden, Konzepte von offener Arbeit auf geschlossene Gruppen umgestellt. Hygienekonzepte geschrieben und umgesetzt werden. Personalplanungen neu erstellt, Eltern informiert und trotzdem parallel Kinder adäquat versorgt werden.
Die meisten Außenstehenden können sich gar nicht vorstellen, welchen Aufwand es bedeutet, „mal eben“ von offener Arbeit auf geschlossene Gruppen umzustellen. In der offenen Arbeit arbeiten Kindertagesstätten mit Funktionsräumen. Das bedeutet, ein Raum ist ein Kreativraum, einer ist ein Bauraum, einer dient dem Rollenspiel und so weiter. Genau für den jeweilig bestimmten Zweck sind die Räume eingerichtet und auch mit den entsprechenden Materialien bestückt. Die Kinder können sich „frei“ zwischen allen Räumen bewegen, je nach dem, was sie gerade machen wollen (z.B. malen, bauen, bewegen). In der Arbeit mit geschlossenen Gruppen, ist alles in einem Raum. Es wird mit Spielecken/Funktionsecken gearbeitet. Das heißt, es gibt eine „Malecke“, „Puppenecke“, einen „Bauteppich“ usw. Die Kinder machen „alles“ in einem Raum. Jeder Gruppenraum ist mit „allem“ ausgestattet. Die Kinder können sich aber immer gegenseitig besuchen.

Wie man unschwer erkennen kann, völlig verschiedene pädagogische Konzepte (selbstverständlich an dieser Stelle nur sehr kurz und nicht umfassend ausreichend dargestellt). Nun musste in kürzester Zeit von einem pädagogischen Konzept auf ein anderes umgestellt werden. Auch gegen die eigene pädagogische Überzeugung. Zusätzlich kam erschwerend, die „Auf gar keinen Fall die Kinder mischen, niemals, zu keinem Zeitpunkt am Tag“-Regel hinzu (die galt übrigens auch für das Personal). Mal abgesehen davon, dass die Einrichtungen mit ihrem Inventar und den Materialien sehr genau haushalten mussten, für die Kinder war es eine echte Herausforderung. Waren die Kinder gewöhnt, Räume zu wechseln, mit Freunden überall zu spielen, waren sie nun gezwungen, teilweise getrennt von Freunden in festen Räumen zu spielen, ohne Kontakt zu Kindern aus anderen eingeteilten Gruppen. Auch nicht auf dem Außengelände und in den Essensräumen. Kein direkter Kontakt zu Kindern aus anderen Gruppen, auch kein direkter Kontakt der Kollegen untereinander. Aber nicht nur das pädagogische Konzept, sondern auch die personelle Planung musste umgestellt werden. Geschlossene Gruppen, Kollegen nicht mischen, bedeutet auch, die Personalplanung musste anders gestaltet werden. Was Einfluss auf die möglichen Betreuungszeiten der Kinder hatte, was Einfluss auf die Arbeit der Eltern hatte, was Einfluss auf die Zusammenarbeit Ich glaube es ist deutlich, worauf ich hinaus will. Nach ein paar Wochen konnten die Einrichtungen zurück zum gewohnten Konzept der offenen Arbeit wechseln. Die Kinder wurden gemischt, die Räume wieder hergerichtet und die Arbeit am Kind wieder fast wie gewohnt verlaufen. Nur die Eltern sollten die Einrichtungen noch nicht wieder betreten, Kinder sollten möglichst an der Tür empfangen und von den Eltern liebevoll getrennt werden. Mit etwas Aufwand machbar und gut umsetzbar. Musste nur noch ein Plan her, wie die Eltern informiert werden, was am Tag so gemacht wurde, die gewohnten Aushänge funktionierten so ja nicht. Auch diese Aufgabe wurde in den Einrichtungen aufgenommen und mit den verschiedensten kreativen Mitteln umgesetzt. Dann kam der Oktober mit steigenden Zahlen, der November war da und die Infektionszahlen stiegen immer noch. Nun ja, jeder weiß wie es weiterging. Das Beispiel der Szenarienwechsel soll eigentlich nur mal verdeutlichen, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kindertagesstätten leisten. Welche Hürden sie nehmen und welchen Aufwand jeder Einzelne zu betreiben bereit war und ist, um den Kindern eine möglichst unbeschwerte Kita-Zeit zu bieten – immer verbunden mit dem Anspruch auf Bildung, Betreuung und Pflege, den zu erfüllen ein jeder von uns seinen Job angetreten hat.

Vielleicht liebe Besucher in den Kitas, Horten und auch in den Schulen, denken sie mal an diese von mir geschilderten Situationen, wenn die Erzieherinnen und Erzieher mal nicht sofort die passende Antwort parat haben und erstmal bei einer Kollegin oder einem Kollegen nachfragen möchten oder der Hausschuh wirklich gerade nicht gefunden werden kann – wir tun wirklich unser Bestes in den Kindertagesstätten.“

Manuela Schlüer

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